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Kunst als Kommunikationsprozess

Zur Vernissage des W-Seminars Kunst 2013/15

P1010809.JPG.jpgW-Seminare sind an und für sich eine feine Sache. Vor allem dann, wenn es sich so trefflich fügt, dass nicht nur die Qualität der Arbeiten sondern auch die zwischenmenschliche Chemie unter allen Beteiligten stimmt, wie es beim soeben abgelaufenen W-Seminar der Fall war. Ein Umstand, der in der zunehmend standardisierten, schönen, neuen G-8-Welt nicht mehr selbstverständlich ist, weil jeder vorwiegend an sich selbst denkt und meistens alle Hände voll zu tun hat, um mit den Gegebenheiten zurecht zu kommen. Umso erquickender, wenn über das rein sachliche Unterrichtsgeschehen hinaus Bezüge und Annäherungen entstehen, die nicht nur das Bewusstsein zusätzlich erweitern sondern das Leben überhaupt ausmachen. Und zwar ganz ohne psycho-pädagogische Empfehlungen oder Rezepturen, wie sie heute so gerne 'problemlösend' d. h. symptombezogen herumdokternd verabreicht werden, sondern lediglich aufgrund ähnlicher, von gegenseitigem Interesse getragener Denkweisen und Sympathie. Ein solch wechselseitiger Profit, von dem nicht nur Schüler etwas haben sondern auch der Lehrende („Lehrer zu sein, ist mein größtes Kunstwerk“, sagte Joseph Beuys dereinst), begünstigt eine Bildung, die weit über Auswendiglernen hinausgeht, eine Formgebung bzw. Konturierung wie sie etwa ein 'bildender' Künstler bei einer Plastik vornimmt; nennen wir es meinetwegen ganzheitliche Bildung, wofür ein ehedem unkomplizierter gestricktes Gymnasium auch einmal gestanden hat. Vielleicht sollte sich der Lehrer sogar selbst als Schüler begreifen („Der Professor ist nichts anderes als ein Student, es sollte da kein Unterschied gemacht werden. Er sorgt nur für Kontinuität über eine längere Zeit, da der Student unter Umständen heute kommt und morgen geht. Der Professor wäre also an der idealen Akademie ein Kristallisationskern als Ordnungsprinzip.“ Beuys über Hochschulstrukturen), der zwar aufgrund seines Wissensvorsprungs und seiner Erfahrung Leitlinien vorgibt, aber nicht stur auf Paradigmen beharrt, sondern seine Zöglinge wahr- und ernst nimmt und sich vom manchmal unstet, manchmal ungestüm sprudelnden Quell ihrer noch weitgehend unverbrauchten, originären Gedanken benetzen oder gar durchnässen lässt. Ein Geben und Nehmen wäre die Folge, was allen Beteiligten mutmaßlich zugute käme. Womöglich war es das, was neben anderen sehr positiven Aspekten den Keim einer fruchtbaren und gedeihlichen Arbeits- und Gesinnungsatmosphäre im letzten W-Seminar zum Sprießen brachte.P1010855.JPG.jpg
Welch wunderbare und wundersame Blüten jener hervorbrachte, konnte am Donnerstag, dem 5. Februar 2015 begutachtet und bestaunt werden. Obwohl gesundheitlich etwas angeschlagen ließ es sich Frau Triller, einem guten alten Brauch folgend, nicht nehmen, die Vernissage etwas erhöht von der Treppe aus im Gang vor dem Raum U35C zu eröffnen (ein wahrhaft prädestinierter, von allen möglichen Seiten gut einsehbarer Platz für Auftritte solcher Art). Ausgerechnet an diesem Abend gelang der Schulleiterin eine besonders einfühlsame und gescheite (um die hässliche, zum Inflations-Unwort verkommene Vokabel 'kompetent' nicht bemühen zu müssen) Einführungsrede, die fernab von Klischees interessante und wohl überlegte Gedankengänge beinhaltete. So gesehen maßgeschneidert für die großteils sehr anspruchsvollen und mannigfaltigen Werkstücke der Kursteilnehmer. Bevor diese bei einem Rundgang einer eingehenden Betrachtung und Würdigung unterzogen wurden – auch das ist ein immer wiederkehrendes und vom Publikum wegen der informativen Hintergründe geschätztes Ritual – wurde der Schauplatz für 20 Minuten in die Aula verlagert zwecks Bühnen-Liveshow einer Tanzperformance, die von Raphael Renter, einem Seminarteilnehmer, und zwei kongenialen Mittänzerinnen aufgeführt wurde. Die anschließende Begehung des Ausstellungsparcours, während der alle praktischen Bestandteile der Seminararbeit (daneben gibt es ja noch die schriftlichen, die hier allerdings keine weitere Bedeutung hatten) und ihre Urheber vorgestellt wurden, war trotz der aufgrund des zahlreich erschienenen Publikums etwas beengten Platzverhältnisse der Höhepunkt der Veranstaltung. P1010836.JPG.jpgObwohl sich Derartiges naturgemäß in die Länge zieht (was auch hier der Fall war) und ein durchaus reichhaltiges Buffet lockte, waren Interesse und Durchhaltevermögen der Anwesenden enorm und es darf ohne falsche Bescheidenheit angenommen werden, dass sich so gut wie alle wohl fühlten und vom Gebotenen angetan waren (was in vielen nachträglichen Kommentaren ihre Bestätigung erfuhr). Selbst das zu vorgerückter Stunde (erst recht) wohl verdiente Buffet hatte noch Reserven, wenngleich zwischenzeitlich gerissene Lücken, hauptsächlich die Getränkeauswahl betreffend, nicht zu übersehen waren. Eigentlich nur zu verständlich an so einem intensiven Abend.

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Rahmenthema des Seminars:

'Der erweiterte Kunstbegriff und seine Folgen. Neue Ausdrucksformen der Kunst des 20. Jahrhunderts'


Autoren und Werkstücke im Einzelnen:

* Sophia Rudolf: Badezimmer-Environment (Materialmix)
* Lena Weiland: 'Das letzte Abendmahl' mit unzähligen, selbst gemachten Fast-Food-Bestandteilen
aus Stoff und Wolle
* Felix Benatzky: Modelle im Bauhaus-Design (Papier, Pappe, Kunststoff)
* Tim Müller-Hahl: Bayrische Brotzeit und Kaffee und Kuchen in Pappmaché
* Jonas Krause: Modell eines dekonstruktivistischen Gebäudes (verschiedene Materialien)
* Katharina Ried: Environment mit zwei lebensgroßen Gipsfiguren und Staffage (Materialmix)
* Sebastian Wahl: 2D- und 3D-Assemblagen (Materialmix)
* David Steininger: Schrottplastik und Gipsfigur als Lampe (Metall, Stein, Gips, Objekt)
* Sebastian Wenning: Gitarren (Holz, Metall)
* Matthias Müller: Experimentalphotographie
* Duncan Jolley: Schall-Environment (Materialmix)
* Felina Beckenbauer: Inszenierte Photographie
* Celina Fetsch: Portrait-Variationen (Materialmix)
* Raphael Renter: 'Combine Paintings' (Materialmix)
* Lisa Hartge: Objekte Der Professor ist nichts anderes als ein Student, es sollte da kein Unterschied gemacht werden. Er sorgt nur für Kontinuität über eine längere Zeit, da der Student unter Umständen heute kommt und morgen geht. Der Professor wäre also an der idealen Akademie ein Kristallisationskern als Ordnungsprinzip. und Malerei im Sinne Dalis (Materialmix)

 

Christian Stichter
 

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