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Von der Freiheit des Christenmenschen

Regionalbischöfin Breit-Keßler beeindruckt Schülerinnen und Schüler der Q11 mit ihren Standpunkten und regt Diskussion von selten erlebter Intensität und Ehrlichkeit an

"Wer bin ich denn, dir dein Christentum absprechen zu wollen, wenn du mir sagst, dass du dich als Christ fühlst?", antwortet die kleine, zierliche Frau im schwarzen Hosenanzug ruhig und bestimmt, nachdem sie der Schilderung des Mädchens sehr aufmerksam zugehört hat und blickt es nachdrücklich dabei an. Die Frage war, ob man denn überhaupt ein Christ sei, wenn man sich z.B. in kirchlichen Jugendgruppen engagiere und auch christliche Werte vertrete, aber eigentlich nie bete. "Ich würde jetzt gerne mit dir weiter darüber ins Gespäch kommen, was Beten denn eigentlich ist", ergänzt sie noch. So, wie sie es sagt, glaubt ihr das jeder im Raum.130221_BfinBreit-KeßlerHP.JPG

Es waren diese enorme Ernsthaftigkeit und Zugewandtheit, mit der die evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler auf die Meinungen und Fragen der Oberstufenschüler einging, mit denen sie die jungen Menschen zunehmend für sich einnahm. Da stand eine sehr authentische Christin vor ihnen, wie sie vielen vielleicht so noch nicht begegnet war und die so gar nichts mit den Klischees gemein hatte, die manch einer von einer Bischöfin gehabt haben mag.

Die Regionalbischöfin war auf Einladung Jost Handtracks, Fachbetreuer für evangelische Religionslehre, ans Ignaz-Kögler-Gymnasium gekommen und hielt dort vor Schülerinnen und Schülern der 11. Jahrgangsstufe sowie interessierten Lehrkräften einen Vortrag "Von der Freiheit des Christenmenschen", an den sich eine lebhafte Diskussion anschloss. 

Dabei brachte Frau Breit-Keßler die Fragen immer ganz schnell  und erfrischend unaufgeregt zum Wesentlichen. "Ist es eine Form von Freiheit oder Unfreiheit, wenn man glaubt, sich Schönheitsoperationen unterziehen zu müssen?" - "Gott hat dich so erschaffen, wie du bist, warum willst du dein einzigartiges Aussehen aufgeben und dich fremden Schönheitsvorgaben anpassen. Was ist daran frei?!"

"Hat man das Recht per Pränataldiagnostik sicherzustellen, dass man ein gesundes Kind bekommt?" "Niemand hat ein Recht auf ein gesundes Kind, aber jedes Kind hat ein Recht auf Leben."

"Ich weiß nicht, warum ich in die Kirche gehen sollte. Ich komme prima auch ohne Kirche aus. Ich gehe da nie rein." "Niemand zwingt dich dazu, in die Kirche zu gehen. Du bist frei, es zu tun oder auch nicht zu tun. Wenn du aber kommst, sind wir für dich da und du begegnest vielleicht einer ganz besonderen Gemeinschaft, wie ich sie auch für mich erlebe und wertschätze ..."

Breit-Keßler lässt keinen Zeifel daran, was sie unter echter Freiheit versteht. Freiheit sei nicht mit Beliebigkeit und Bequemlichkeit zu verwechseln, sie habe Ansprüche, denen man sich stellen müsse. Vieles schränke unmerklich unsere Freiheit ein, die wachsende Abhängigkeit von den digitalen Medien zum Beispiel. Doch niemand verdamme uns dazu: "Wir sind doch alle Herren unseres Lebens und können selbst entscheiden, was wir aufnehmen wollen und was nicht." In diesem Zusammenhang lud sie die Anwesenden ein, die Fastenzeit als eine Art Testphase zu nutzen, in der man sich auch über seine Süchte und Abhängigkeiten, mithin Unfreiheiten, klar werden könne: "Schaffen Sie es, einmal für eine gewisse, selbst gesetzte Zeit, auf Handy, Facebook und Ähnliches zu verzichten?"

Auch als die Schulglocke am Ende des Schulvormittags gongt, lässt sich die Diskussion immer noch nicht so leicht abbrechen. Etliche Schülerinnen und Schüler scharen sich mit ihren Fragen um die Bischöfin und suchen weiter das Gespräch, so dass diese kurzerhand die Betreffenden zu sich zum Kaffee einlädt, was überrascht und dann begeistert angenommen wird.

Susanne Breit-Keßler, 1954 in Heidenheim geboren, wuchs in Oberaudorf, in der oberbayerischen Diaspora auf. Im Zentrum ihrer Theologie und Frömmigkeit steht der Glaube an den Mensch gewordenen Gott, der zu Freiheit in Verantwortung ruft. Mittelpunkt ihres Wirkens sind Predigt, Seelsorge und Diakonie. Seit dem Studium der Germanistik, Alten Geschichte und Theologie sowie einer journalistischen Ausbildung ist sie sowohl seelsorgerisch als auch publizistisch tätig. Darüber hinaus engagiert sie sich in der Erwachsenenbildung, ist Vorsitzende und Mitglied zahlreicher kirchlicher und außerkirchlicher Gremien und Kommissionen. 2001 wurde Susanne Breit-Keßler Oberkirchenrätin und Regionalbischöfin, seit 2003 Ständige Vertreterin der Landesbischofs. In Anerkennung ihres sozialen und diakonischen Engagements und ihrer Verdienste als "Brückebauerin zwischen Kirche und Gesellschaft" erhielt sie das Bundesverdienstkreuz, den Bayerischen Verdienstorden und die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber.

 

 

 


 

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