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"Von Herzen" - ein Star zum Anfassen

Bei einem Intensiv-Workshop mit Harald Rüschenbaum tauchte unsere Schulbigband einen ganzen Tag lang in die Welt des Jazz ein und durfte am Abend als Vorgruppe seines Konzerts mit der Gruppe Combo Cosmodrom in der Aula des Ignaz-Kögler-Gymnasiums auftreten. Bei all dem war der renommierte Jazz-Musiker mit seiner warmherzigen Art als Star zum Anfassen erlebbar, der unsere Los BIKG Bandidos vollständig begeisterte und mitriss.

„Tja, das wird es wohl gewesen sein,“ dachte ich mir, nachdem sich nur eine Handvoll Schülerinnen und Schüler für den Wahlkurs Big Band anfangs des Schuljahres eingeschrieben hatten. Viele ehemalige Big Bandler mussten aus stundenplan- und abiturtechnischen Gründen aufhören. Ein erstes Treffen mit meinen Neuen ergab zudem noch den Wunsch nach einem anderen Probetermin. Naja, immerhin könnten wir ja als kleine Combo auftreten. Doch da hatte ich mich wohl getäuscht, denn ein paar Nachfragen hier und ein paar Überredungskünste dort ließen dann doch mehr Schüler zum Probentermin erscheinen, als zuerst angenommen. Die ersten Gehversuche mit meinen Sechst- bis Achtklässlern waren zwar noch etwas wackelig, aber dann kamen wir mit unseren kubanischen Musikstücken ganz ordentlich auf die Füße. Nur: „Was spielt man denn dann, wenn da Solo dran steht und sonst nix?“ Tja, das Grundprinzip des Jazz war gefragt: das Improvisieren. Wir übten also zunächst das Improvisieren verschiedener Rhythmen auf einem Ton. Dem einen gelang das besser, dem anderen nicht so. Trotzdem bauten wir unser Können weiter aus und unser Flügelhorn-Dominik spielte dann schon ganz schöne eigene Melodien. Aber was nun? Wie heben wir das auf einen anderen Standard? Mir fiel da nur noch ein Name ein: Harald Rüschenbaum, ein international bekannter Jazzer, bei dem ich schon einige Fortbildungen, u. a. zu diesem Thema besucht hatte. Meine Anfrage per E-Mail hatte recht kurzfristig ein Telefonat mit einem äußerst sympathischen Menschen zur Folge, der mir voller Begeisterung zusagte, auch was ein Abschlusskonzert mit seiner Band Cosmodrom betraf. „Wir lassen die Schüler auch als Vorgruppe spielen!“, schlug Harald vor und ein pädagogisches Konzept war geboren.P1140341.HP.JPG
Schon das erste Zusammentreffen mit den Schülern gestaltete sich als unerwartet: „Grüß euch, ich bin der Harald. Wer seid denn ihr?“ Von Anfang an wurden Berührungsängste abgebaut. Ein Star zum Anfassen, der mit seinen unkonventionellen Methoden vom unkontrollierten Sprechen (für sinnlose Zusammenhänge) über die ABC-Geschichten (Rezitieren des ABC verbunden mit der emotionalen Aussprache der Buchstaben) in das musikalische Ausdrucksmittel Improvisieren eintauchte. Dabei wurden zuerst einmal die Schlagzeuger an ihrem Instrument abgemeldet und mussten im weiteren Verlauf auf dem großen Xylophon spielen. Voraussetzungen zum Improvisieren gab es zwar keine, trotzdem kamen dem einen oder der anderen die Kenntnisse aus dem Musikunterricht ganz gelegen. „Sucht euch diesen Ton auf eurem Instrument!“ - „Spielt eine Durtonleiter darauf aufbauend!“ - „Spielt mit den Tönen dieser Tonleiter eigene Melodien!“ - „Achtet auf den Bezug der Töne zu den Akkorden die ich am Klavier spiele!“. Harald Rüschenbaum forderte die Kinder auf vielen Ebenen und er forderte sie intensiv. Auch wenn die Aufgaben nicht immer allzu schwer waren, Energie und Durchhaltevermögen waren dringend abverlangte Eigenschaften. Und immer wieder wurde klar, dass Musik nicht nur aus Aktionen am Instrument besteht, sondern viel mehr ein Interagieren zwischen Hören und Spielen ist, und genau das versuchte Harald Rüschenbaum aus den Kindern heraus zu kitzeln.
Abends dann der große Auftritt der Schulbigband „Los BIKG Bandidos“. Kaum das wir unsere ersten zwei Stücke konnten, durften wir sie auch schon zu Gehör bringen. Das Grundgerüst stand schon, aber Harald Rüschenbaum hatte mit den Kindern noch einmal an den Feinheiten gearbeitet. Sicher berichteten die Schüler im ersten Stück „Toca bonito“ vom Ignaz-Kögler-Gymnasium: „En la IKG comemos y cantamos.“ (Am IKG essen und singen wir.) und auch das zweite Stück „El rico vacilon“ gelang prima. Aber die Kinder hatten das gut 100 Köpfe zählende Publikum nur auf die Meister vorbereitet. Die Combo Cosmodrom mit Rafael Alcantara (Gesang, Querflöte, Saxophone), Peter Cudek (Kontrabass), Daniel Klingl (Saxophone, Klarinette), Walter Lang (Klavier) und Harald Rüschenbaum (Schlagzeug und Perkussion) entführte in eine Welt der Klangbilder, mitreißende Rhythmen, virtuos gespielte Instrumente und sagenhafte Eigenkompositionen mit purer Leidenschaft und Emotionen „von Herzen“ vorgetragen. Viele (Er-)Schlagzeuger machen ihrem Name alle Ehre, nicht so Harald Rüschenbaum, der bewusst mal fein, mal anderstönend mit dem vorderen und hinteren Ende eines Besens spielt. Zwischendrin erklingen auch einmal die nicht unbedingt jazztypischen Zimbeln oder eine große Handtrommel. Fast hätte man meinen können, aus Ehrfurcht vor dieser Art von Musik, hätten sich Zuhörer nicht ins Konzert getraut, denn die folgenden eineinhalb Stunden waren eine Aneinanderreihung von empfindsamen Interpretationen sowie ausdrucksstarken Improvisationen mit Gefühl für Klang und bewundernswerter Spieltechnik. Vielleicht finden ja bei den nächsten Konzerten dieser Art noch mehr Mitglieder der Schulfamilie in die Aula des Gymnasiums, denn das Gebotene war einmalig und steht für sich selbst. Zu oft hat man die Gelegenheit nicht, quasi vor der Haustür so ein Konzert zu besuchen.
Für uns bleibt die Erinnerung an einen sagenhaften Tag: Ein Vollprofi, der sich auf Anfänger einlässt und mit ihnen gemeinsam neue Wege beschreitet. Ein zauberhafter Mensch, der nicht nur in seine CD schreibt „Von Herzen viel Freude beim Hören!“, sondern das auch immer wieder sagt und dem man es auch abkauft. Bleiben noch fünf Virtuosen, die die anwesenden Zuhörer zu Begeisterungsstürmen hinrissen. So bleibt von unserer Seite nur zu sagen „Von Herzen wieder!“

Martin Heller, Musiklehrer
 

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