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ECHT.ABSOLUT - Einblick in den Beruf des literarischen Übersetzers

Wieviel man über die eigene Sprache erfährt, wenn man versucht, einen fremdsprachlichen Text ins Deutsche zu übersetzen, konnten zwei Zehntklässlerin bei einer Veranstaltung im Münchner Literaturhaus erfahren. Auf Anregung ihrer Lehrerin Caterina Bosch nahmen sie unter professioneller Anleitung an mehreren aufeinander folgenden Mittwochnachmittagen an einer Übersetzerwerkstatt teil.

“Sometimes you got to walk the day out of you. You know.
Walk it right out through the soles of your feet.”
(What I Leave Behind. Alison McGhee)

Mancher, der diese Zeilen liest, wird sofort fühlen, was damit gemeint ist. Aber wie würde man das im Deutschen sagen, ohne dass es „künstlich“ oder „eingedeutscht“ klingt? Ohne zu viel hinein zu interpretieren? Was wollte die Autorin damit ausdrücken? Wie fühlt sich die Figur, die das sagt? Wie übersetze ich “You know?“ oder lasse ich es weg? Übersetzungen fremdsprachiger Romane sind Texte, die „neu“ geschrieben wurden. Selbst zu übersetzen – ein Abenteuer, in dem man seine eigene Sprache entdeckt, neu erfindet, Unmögliches möglich macht, das haben die beiden Schülerinnen Isabel Lichtenstern (10c) und Anna Westermaier (10b) ausprobiert.
Die beiden Schülerinnen haben im Mai an vier Nachmittagen an einer Übersetzerwerkstatt teilgenommen, die dieses Jahr erstmalig vom Münchner Literaturhaus in Kooperation mit dem Deutschen Übersetzerfonds und dem Literarischen Colloquium Berlin angeboten wurde.
Im Vorfeld mussten sich die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler mit der Übersetzung eines Ausschnitts des (noch nicht übersetzten) Jugendromans “What I leave behind“ der Amerikanerin Alison McGhee bewerben. In dem Roman geht es um den 16-jährigen Will, der sich nach einer Familientragödie hilft, indem er anderen hilft. Das Besondere der äußeren Form des Romans ist, dass er 100 Kapitel hat, die jeweils 100 Wörter haben. Die Kapitel sind jeweils mit chinesischen Schriftzeichen nummeriert.

Nachdem ihre Bewerbung angenommen worden war, trafen sich Isabel und Anna an vier Nachmittagen mit zehn weiteren ausgewählten Teilnehmern anderer Schulen in München, um gemeinsam mit der Literaturübersetzerin Susanne Hornfeck (Englisch, Chinesisch) zu lernen, wie ein Profi an eine Übersetzung heranzugehen. Der Roman wurde allein und in der Gruppe übersetzt, die Varianten diskutiert, um schließlich eine gemeinsame „Lösung“ zu finden. Dabei betonte Frau Hornfeck, dass beim Übersetzen in der Gruppe der Weg das Ziel sei: Die eigene Version begründet verteidigen, den Text immer wieder „ummodeln“, die eigene Position überdenken, die Verpflichtung gegenüber dem Autor nicht vergessen.
Am Abend des 6. Juni fand um 20 Uhr die Abschlussveranstaltung dazu statt, bei der die Schülergruppe im Münchner Literaturhaus ihre Übersetzung einem Publikum vorstellte, das sich aus Eltern, Lehrern und professionellen Übersetzerinnen und Übersetzern zusammensetzte. Nachdem sich die jungen „Nachwuchsübersetzer*innen“ kurz vorgestellt hatten, gaben sie einen konkreten Einblick in ihre gemeinsame Arbeit, indem sie an ausgewählten Beispielen einen Teil ihrer Diskussionen um die „richtige“ Übersetzung verdeutlichten, das Publikum in ihre Überlegungen einbezogen und um Stellungnahme dazu baten. Im Anschluss an die angeregte Diskussion veranschaulichte Frau Hornfeck anhand ihres eigenen Werdegang den Beruf der Übersetzerin und den Alltag beim Übersetzen. Abschließend trugen die Schülerinnen und Schüler die ersten sieben Kapitel des Romans in ihrer Übersetzung vor. Dafür hatten sie übrigens auch noch die chinesischen Zahlen von eins bis zehn gelernt, um die jeweiligen Kapitel zu benennen. Den tiefen und sehr persönlichen Einblick in den Beruf des literarischen Übersetzers ergänzten am Ende der Veranstaltung die sehr klugen Fragen der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler an die im Publikum anwesenden Vertreter dieses Berufsstandes.
Insgesamt waren sich alle einig, dass die Werkstatt und die feierliche Abschlussveranstaltung für einen interessanten und faszinierenden Beruf begeistern konnten. Der Funke ist übergesprungen.


 

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